Faktor-Investing: Mit passivem Investieren den Markt schlagen

Passiv investieren mit Bizeps. Das verspricht dir Faktor-Investing: Du schlägst langfristig den Markt – ganz ohne Market Timing oder Stock Picking. Doch was sind überhaupt Faktoren? Und wie verpackst du sie in deinem Portfolio? Das erfährst du jetzt:

https://www.youtube.com/watch?v=PldUeU2bJYg&t=187s

Was sind Faktoren?

Vor den 90er Jahren spukte es in der Finanzwelt: Warum performen einige Investmentfonds besser als der Markt? Warum erwirtschaften sie mehr Rendite?

Die Wissenschaftler waren ratlos – und schlossen resigniert wie ein dickes Kind im Sportunterricht: Es wird wohl an den Fondsmanagern liegen. Diese hätten ein goldenes Händchen für goldene Aktien. Doch weit gefehlt!

Denn eine Studie von 1992 (Fama and French 1992) widerlegte diese Theorie; sie zeigte eindrücklich, woher die Überrendite wirklich kommt. In ihr heißt es:

„Our main results is (…) size and book to market equity capture the cross‐sectional variation in average stock returns associated with size, E/P, book‐to‐market equity, and leverage.“

Size: Die Größe eines Unternehmens wirkt sich auf die Rendite aus. 

Book to market equity: Eine Kennzahl, um den Wert einer Aktie zu bestimmen. Ist das Ergebnis größer als eins, so ist die Aktien unterbewertet – geringer als eins, überbewertet (zu teuer).

Ich weiß, ich weiß – langweilig wie ein Vortrag von Sheldon Cooper. Deshalb fasse ich das Ergebnis der Studie verständlich zusammen:

Über den Zeitraum 1963 bis 1990 performten Small Caps (kleine Aktien) besser als Large Caps (große Aktien). Genauso schlugen Value Aktien („unterbewertete Aktien“) Growth Aktien (Wachstumsaktien).

Die Begriffe erkläre ich dir, sobald ich die einzelnen Faktoren vorstelle.

Was heißt das nun genau? Investmentfonds schlagen nicht den Markt, weil ihre Fondsmanager Genies sind. Sie schlagen den Markt, weil sie Small Caps und Value Aktien übergewichten.

Small Caps und Value Aktien sind nun solche Faktoren – der Small-Cap-Faktor und der Value-Faktor. Du quetschst langfristig mehr Rendite aus deinem Portfolio, wenn du Faktor-Investing (smart Beta Investing) nutzt.

Was ist Faktor-Investing?

Gerade ist es dir bestimmt sauer aufgestoßen: Übergewichten, was ist das schon wieder? Sind wir hier im Investment-Camp von „The Biggest Loser?“ Nein!

Übergewichten bedeutet kurz: Eine bestimmte Aktienart (z.B. Small Caps) nehmen prozentual einen größeren Platz ein in deinem Portfolio als im Aktienmarkt.

Jetzt noch einmal ausführlicher:

Der weltweite handelbare Aktienmarkt besteht ca. aus 9500 Aktien. Hältst du alle oder eine repräsentative Stichprobe, so bist du marktneutral – du bildest den gesamten Markt ab.

In diesem Gesamtmarkt befinden sich nun große, mittlere und kleine Aktien in einem bestimmten Verhältnis zueinander. Sprengst du dieses Verhältnis, indem du z.B. große Aktien verkaufst, hast du verhältnismäßig mehr kleine Aktien.

Du gewichtest kleine Aktien über.

Das ist also Faktor-Investing: Du knetest den Markt neu, indem du einzelne Faktoren (auch Faktorprämien genannt) übergewichtest. Kein Market Timing. Kein Stockpicking. Nur stures passives Investieren neu gedacht.

Ein kleiner Fun Fact am Rande: Besparst du nur einen MSCI-World-ETF, bist du auch nicht marktneutral. Denn es gibt keine Small Caps – also wettest du aktiv gegen den Small-Cap-Faktor (kleine Aktien).

Doch warum funktioniert Faktor-Investing und erwirtschaftet langfristig eine Mehr-Rendite?

Wie die Zehn-Gebote steht es festgeschrieben: Rendite kommt immer von Risiko. Nicht anders ist es beim Faktor-Investing – Faktoren haben ein größeres Risiko.

Kleine Aktien sind beispielsweise riskanter als große Aktien – basta! Komischerweise ist dein Portfolio insgesamt mit Faktor-Investing nicht riskanter als ein marktneutrales Portfolio. Es schwankt nicht überdurchschnittlich im Wert.

Ein anderer Grund ist die Irrationalität von dir und mir – Anleger schätzen einige Aktien einfach falsch ein. So kaufen wir teure Growth-Aktien, nur weil der Kurs scheinbar endlos steigt.

Dabei vernachlässigen wir Value-Aktien, die vielleicht profitabler sind und besser aufgestellt. Wir handeln irrational. Diese Irrationalität kannst du mit Faktoren ausbeuten.

Aber welche Faktoren gibt es? Und was macht einen Faktor zu einem Faktor?

Das Faktoren-Dream-Team

Die Eigenschaften von Faktoren

Bevor wir wie Medizin-Studenten die Faktoren sezieren, müssen wir zuerst beantworten: Wann ist ein Faktor ein Faktor? Schließlich nehmen die nicht jeden!

Das sind vier anerkannte Kriterien:

Persistenz: Faktoren müssen über einen längeren Zeitraum nachweisbar sein. Für den amerikanischen Aktienmarkt sind es über neunzig Jahre. 

Allgegenwärtigkeit: Was nützt ein Faktor, wenn er nur an der pakistanischen Börse vorkommt? – nichts! Faktoren müssen überall wirken, über alle Länder, Branchen und Märkte hinweg.

Vernünftig: Bin ich der einzige, der sich unter vernünftig einen Engländer vorstellt, mit Melone, Pfeife, roter Jockey-Kleidung und mit der Times im Sessel fläzend? Nein? – egal: Vernünftig meint, der Faktor muss erklärbar sein. Er braucht einen verständlichen Grund, warum er auftritt.

Investierbar: Ein Faktor nützt nichts, wenn man ihn nicht ausbeuten kann – d.h. er zu teuer ist. Ein Beispiel: Sagen wir, der wirksamste Faktor ist, nur kasachische Aktien zu kaufen.

Dann lohnt sich der Faktor trotzdem nicht, weil kasachische Aktien zu illiquide sind. Es wäre zu teuer, sie zu handeln. Der Faktor ist also nicht investierbar.

Zuletzt eher eine Grundregel statt Eigenschaft: Faktoren sind keine Jahreszeiten – sie treten nicht jährlich auf. Es kann Jahrzehnte geben, wo sie enttäuschen und den Markt nicht schlagen.

Sie sind nur statistisch nachweisbar – nicht Jahr für Jahr. Also verabschiede dich von dem Gedanken, mit Faktor-Investing jedes Jahr der Größte zu sein. Es gibt auch Durststrecken!

Das wirst du sehen, wenn wir uns einzelne Faktoren anschauen – also jetzt.

Der Small-Cap-Effekt (auch Small-Size-Effekt)

Ja, ja, Kleinvieh macht auch Mist. Und sogar ziemlich gewaltigen, wenn man bedenkt, dass kleine Aktien auf lange Sicht die großen schlagen.

Aber was sind nun kleine Aktien? Denn wenn Amazon Schneewittchen ist, dann ist auch Siemens einer von den sieben Zwergen.

Eine unanfechtbare Definition gibt es nicht; aber ein Small Cap ist eine Aktie mit einer Marktkapitalisierung unter 1 Milliarde US-Dollar.

Marktkapitalisierung = Preis einer Aktie x Anzahl aller Aktien des Unternehmens

Es sind also immer noch große Unternehmen – oft mit Umsätzen in Milliarden-Höhe. Der deutsche Mittelstand zählt ausdrücklich nicht dazu.

Diese kleinen Aktien können schneller ausfallen als große Aktien – deshalb sind sie riskanter. Und weil sie riskanter sind, versprechen sie langfristig eine höhere Rendite.

Aber stimmt das auch in der Praxis? Hier die Ergebnisse des MSCI World Small-Cap-Index:

Index 5 Jahre 10 Jahre Seit 29. Dezember 2020
MSCI World Small Cap 5,63 9,53 8,65
MSCI ACWI Small Cap 5,3 8,73 8,38
MSCI ACWI IMI 7,63 9,37 6,23
Quelle: https://www.msci.com/documents/10199/a67b0d43-0289-4bce-8499-0c102eaa8399

Das sind die jährlichen Brutto-Renditen. Das Enddatum ist der 31. Juli 2020.

Die Abbildung beweist: Investoren schlugen mit einem Small-Cap-Index den gesamten weltweiten Akitenmarkt (MSCI ACWI IMI = MSCO All Country World Index Investible Market Index).

Aber nur, wenn sie den MSCI World Small Cap bespart hätten; nicht den MSCI ACWI Small Cap.

Gegen den normalen MSCI World hätten sie trotzdem verloren – er erreichte über 10 Jahre durchschnittlich 10,22 Prozent p.a.

Ein harter linker Haken für die Faktoren. Warte nur ab, es kommt noch schlimmer:

Der Value-Effekt

Gib’s zu: Du musst nur Value hören, schon hast du Warren Buffet vor Augen. Etwas füllig, weise und Milliarden schwer. Doch das trifft es nicht ganz:

Value Aktien sind Aktien mit günstigem Aktienkurs im Vergleich zu ihren Fundamental-Daten. Kurz gesagt: Die Bilanz ist super; nur schert sich keiner darum, weshalb die Aktie billig ist.

Dieses Unterbewertet- oder Billig-Sein macht sich fest an drei Kennzahlen:

  • KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis): Kurs einer Aktie / Gewinn je Aktie
  • KBV (Kurs-Buchwert-Verhältnis): Kurs einer Aktie / Buchwert einer Aktie
  • Dividendenrendite: Dividende / Aktienkurs x 100

Was wäre solch eine Value-Aktie? Spontan fällt mir People‘s United Financial ein, eine amerikanische Bankholding-Gesellschaft. Hier die Fundamentaldaten:

  • KGV (2019): 7,79 (Unter 10)
  • KBV (11. August 2020): 0,64 (Unter 1)
  • Dividendenrendite (2019): 7,13 Prozent (Über 2)

Das ist eine klassische Value-Aktie, abgegrenzt zu den Growth-Aktien. Diese sind wachsende, teure Aktien mit hohem KGV, hohem KBV und oft geringer Dividendenrendite.

Value-Aktien und Growth-Aktien teilen sich nun den Gesamtmarkt: 50 Prozent Value-Aktien + 50 Prozent Growth-Aktien. Hast du 70 Prozent Value-Aktien im Portfolio, verfolgst du Faktor-Investing mit Value-Ansatz.

Aber wo liegt das Risiko von Value-Aktien? Das ist schwer zu erklären: Wahrscheinlich fußt das Value-Prinzip nur auf Anleger-Irrationalität. Wir umjubeln lieber Amazon als People’s United Financial.

Denn ich wette, bis heute hast du nie von diesem Unternehmen gehört. 

Hier die durchschnittliche jährliche Brutto-Rendite:

Index 5 Jahre 10 Jahre Seit 31 Dezember 1974
MSCI World Value 3,35 7,08 11,13
MSCI World 8,13 10,22 10,76
Quelle: https://www.msci.com/documents/10199/25465a5a-d52c-4bec-b5ed-a7b56eca8e0d

Das Enddatum ist wieder der 31. Juli 2020.

Das meinte ich damit, Faktoren können über Jahrzehnte ausfallen. In den letzten 10 Jahr lag der Value-Index 3 Prozent hinter dem MSCI World.

Momentum-Effekt

Wie heißt es so schön im sächsischen Volksmund: Never change a running system – ursächsisch! Denn Momentum-Aktien sind Dauerbrenner, die in den letzten 12 Monaten den Markt geschlagen haben.

Nun geht man davon aus: Dieser Trend hält für weitere drei Monate an – so lange holt man sich diese Aktie ins Portfolio. Man gewichtet sie über. Nehmen wir Apple:

2019 verzeichnete Apple einen Kurszuwachs von 83 Prozent. Anfang 2020 hätte ein Momentum-Investor Apple nun übergewichtet – und das drei Monate lang.

Dieser Momentum-Effekt erklärt sich hauptsächlich durch Anleger-Irrationalität. Denn es klingt doch logisch: Performt eine Aktie länger ausgezeichnet, hecheln Anleger ihr hinterher wie Strolch der Susi.

Das ist nur meine Meinung; die Literatur nennt dafür „Underreaction“: Die Anleger reagieren zu spät auf positive Quartalszahlen.

Das Unternehmen schreibt bemerkenswerte Gewinne, nur steigt der Kurs nicht sofort, sondern erst später. Die Anleger “unterreagieren”, indem sie die Aktie nicht sofort verstärkt kaufen.

Deshalb wirkt sich der positive Effekt der Fundamentaldaten erst später aus.

Abschließend wieder der Brutto-Rendite-Vergleich:

Index 5 Jahre 10 Jahre Seit 30. Juni 1994
MSCI World Momentum 13,35 14,93 11,28
MSCI World 8,13 10,22 7,60
Quelle: https://www.msci.com/documents/10199/904e031c-94e4-4dbc-a314-7c373446dffa

Das Enddatum ist wieder der 31. Juli 2020.

Beeindruckend wirkt hier die Kraft des Momentum-Effekts: in den letzten 10 Jahren durchschnittlich 14,93 Prozent p.a. – über 4 Prozent mehr als der normale MSCI World.

Quality-Faktor

Der Quality-Faktor ist das „Was du nicht sagst“ im Faktor-Investing. Aktien mit höherer Qualität machen mehr Rendite als Aktien “schlechter” Qualität.

Bis das bewiesen wurde, hat die Wissenschaft einige Jahre gebraucht (schließlich Novy-Marx, 2012). Doch woran macht sich Quality fest? Grundlegend wieder an Fundamentaldaten:

  • Niedrige Verschuldung
  • Steigende Gewinne
  • Geringe Volatilität des Aktienkurses
  • Hohe Netto-Margin

Warum sind “bessere” Aktien risikoreicher als “normale” Aktien? Dafür gibt es zwei Theorien:

Profitable Unternehmen wachsen noch: Erwartete Gewinne liegen also in der Zukunft. Und zukünftige Gewinne sind unsicherer als heutige Gewinne.

Nachahmer-Effekt: Erfolgreiche Modell werden kopiert, bis sie nicht mehr funktionieren. Die Konkurrenz lernt dazu und erobert Stück für Stück weitere Marktanteile.

Hier wieder die Brutto-Rendite:

Index 5 Jahre 10 Jahre Seit 30. Juni 1994
MSCI World Quality 12,73 13,81 11,39
MSCI World 8,13 10,22 7,60
Quelle: https://www.msci.com/documents/10199/344aa133-d8fa-4a15-b091-20a8fd024b65

Das Enddatum ist wieder der 31. Juli 2020

Auch der Quality-Faktor schlägt den MSCI-World in den letzten 10 Jahren – sogar über 3,5 Prozent.

Innerhalb von 26 Jahren (seit 1994) hat er sogar den Momentum-Effekt überholt. Und 26 Jahre sind nun wirklich aussagekräftig.

Political-Risk-Prämie

So gut wie jeder ETF-Enthusiast wird dir folgendes sagen: „Psst, nicht so laut; aber mische den MSCI World Emerging Markets zu 30 Prozent deinem Portfolio bei – Geheimtipp!“

Doch was sind Emerging Markets?

Emerging Markets sind Schwellenländer wie China oder Indien; chinesische Aktien oder indische Aktien sollen langfristig mehr Rendite erwirtschaften als Aktien unserer stolzen Industrienationen.

Die Standardantwort ist: Ihre Wirtschaft ist noch klein und wird deshalb wachsen wie die Bohnenranke im Märchen. Klingt plausibel, hat nur ein Problem:

Rendite kommt immer von Risiko – und eine gedeihende Wirtschaft hat davon nicht viel. Deshalb muss die Rendite woanders herkommen – nämlich aus dem politischen Risiko.

Bürgerkrieg, Enteignung, Hungerkatastrophen oder kapitalfeindliche Gesetzgebung – das sind solche Urlaubs-Vermieser, die reiselustigem Kapital die Rendite verderben.

Das ist also das Risiko und es wird kompensiert durch eine höhere Rendite – beispielsweise höhere Zinsen auf Staatsanleihen.

Deshalb solltest du dir die Emerging-Markets ins Portfolio holen. Trotzdem ist nicht von der Hand zu weisen, dass deren Wirtschaft auch rasant wächst – ein Bonus für die Zukunft.

Nach Marktkapitalisierung machen Emerging Markets 10 bis 15 Prozent des gesamten Aktienmarktes aus.

Hast du mehr (z.B. 30 Prozent), wettest du gezielt, dass Emerging Markets langfristig besser performen.

Index 5 Jahre 10 Jahre Seit 29. Dezember 2000
MSCI Emerging Markets 6,15 3,33 8,76
MSCI ACWI 7,37 8,87 5,57
MSCI World 7,52 9,61 5,28
Quelle: https://www.msci.com/documents/10199/c0db0a48-01f2-4ba9-ad01-226fd5678111

Bei keinem anderen Faktor tritt die Ambivalenz des Faktor-Investing deutlicher zutage: Über 10 Jahre versagten die Emerging Markets; über 20 Jahre schlugen sie den Markt mit gut 3 Prozent.

Die Risiken von Faktor-Investing

Faktoren haben einige Schönheitsflecken, die sich selbst mit Rouge und gutem Willen nicht verdecken lassen. Hier sind sie:

Keine Religion – trotzdem Glaubenssache

Faktor-Investing ist wissenschaftlich nachgewiesen; daran lässt sich nicht rütteln. Trotzdem brauchst du viel Nerven- und Glaubensstärke, um der Wissenschaft zu vertrauen. Warum?

Wie bereits erwähnt, treten Faktoren nicht immer auf. Zwar wandern sie nicht wie Moses vierzig Jahre durch die Wüste, aber zehn Jahre können sie gut und gerne ausfallen. 

Es zehrt folglich an deinen Nerven, wenn du dem Markt hinterherhängst. Du wirst unruhig, die Kniee schlottern und an deiner Stirn klopft der Zweifel und bittet um Einlass – stehst du das durch?

Kannst du es 10 Jahre ertragen, wenn dein Markt-schlagendes Portfolio nicht den Markt schlägt? Wenn nein, halte von Faktor-Investing mindestens 1,5 Meter Abstand.

Faktoren können verschwinden

Manche Faktorprämien haben einen Haken: Du wettest z.B. auf den Value-Faktor und nach dreißig Jahren? – keine Outperformance des Marktes. Er ist verschwunden wie die Freiheitsstatue unter der Zauberhand von David Copperfield.

Diese Wertentwicklung kann vorkommen: Ein System funktioniert nicht mehr, sobald es alle nutzen. Kaufen “alle” Value-Aktien, ist der Effekt tot. 

Zurzeit halten viele den Value-Faktor tatsächlich für tot. Mal sehen, ob er als profitabler Frankenstein sich neu erhebt. 

Doch welche Faktoren sind besonders vom Aussterben bedroht?

Eindeutig Faktoren, die auf Irrationalität beruhen wie Momentum. Anleger können ihre “Fehler” einsehen und so verschwindet der Faktor. Bisher ist davon noch nichts zu sehen.

Faktor-Investing ist teurer

Faktorstrategien erfordern höhere Umsätze – es wird mehr gekauft und verkauft. Das macht die Fonds und Produkte teurer. Diese Extra-Kosten muss die Performance wieder reinholen; sonst lohnen sie Faktorprämien nicht.

Zudem kommen mehr Transaktionskosten auf dich zu, willst du mehrere Faktoren einzeln mit ETFs abbilden.

Faktor-Investing ist komplexer

Passives Investieren ist wie idyllisches Landleben: Einfach, unbeschwert und sorgenlos. Man kauft ein paar ETFs, bildet den Markt ab und investiert bis in den Ruhestand – dann genießt man sein Vermögen.

Faktor-Investing ist nun, als würde auf der Kuhweide ein Parkplatz gebaut – es wird komplex. Du als Anleger bist deutlich mehr beschäftigt, musst mehr lernen und verstehen; und dir schließlich einzelne Faktoren herauspicken.

Außerdem widerspricht es vielen Glaubenssätzen, die bisher von der ETF-Kanzel gepredigt wurden: Du sollst den Markt nicht schlagen. Diesen Glaubenssatz zu überwinden, erfordert Mut.

Verständlicherweise erwartet dich ebenso mehr Aufwand: Dein Portfolio wird komplexer, du brauchst mehr ETFs und musst sie unterschiedlich gewichten.

Zuletzt nervt das Rebalancing: Alle Jahre wieder musst du die ursprüngliche Gewichtung deiner ETFs wiederherstellen. Sonst wuchert dein Portfolio wie Dornrösschens Schlossgarten.

All das bedeutet Arbeit und widerspricht dem simplen passiven Investieren. Finde also Gefallen daran, wenn du es nutzen willst.

Doch genug der Fehler! Schauen wir uns jetzt zwei ETF-Portfolios an.

Faktor-Investing-Portfolios

Die Bibel für ETFs ist bekanntlich Gerd Kommers „Souverän investieren mit Indexfonds und ETFs“. Daraus werde ich die folgenden zwei Portfolios entnehmen. Doch wie viel Rendite warfen sie in der Vergangenheit ab?

Die Zahlen nehme ich aus den Musterportfolios von extraETF – sie haben Kommers Portfolios nachgebaut und über fünf bzw. drei Jahre verfolgt. Letzteres ist jedoch ein Problem:

Fünf bis drei Jahre sagen nichts aus – erst zehn bis fünfzehn Jahre sind repräsentativ. Werte deshalb die Rendite der folgenden Portfolios nur als Ausschnitt; nicht als Gesamtbild.

Portfolio 1: Einzelnes Faktor-Investing

Die Warnung vorweg: Dieses Portfolio ist aufwendig und kompliziert. Denn du bildest jeden Faktor mit einem ETF ab. So sähe dein Portfolio aus:

ETF WKN Gewichtung im Portfolio Region Faktor TER (Gesamtkostenquote
SPDR MSCI World Small Cap UCITS ETF A1W56P 14 % Welt Small Cap 0,45 % 
iShares Edge MSCI World Value Factor UCITS ETF A12ATG 14 %  Welt Value Strategie  0,30 %
iShares Edge MSCI World Quality Factor UCITS ETF A12ATE 14 %  Welt Fundamental / Quality 0,30 % 
iShares Edge MSCI World Momentum Factor UCITS ETF  A12ATF  14 % Welt  Momentum 0,30 %
iShares Core MSCI EM IMI UCITS ETF A111X9 14 % Emerging Markets Political Risk 0,18 %
Lyxor EuroMTS Highest Rated Macro-Weighted Govt Bond 1-3Y (DR) UCITS ETF LYX0Z6 30 % Eurozone 0,16 %  
    100 %     0,26 %

Zu Erklärung: Das Portfolio ist 70/30 geteilt. 70 Prozent liegen in Aktien; 30 Prozent in Anleihen – deshalb am Ende der Bond-ETF. Doch was ist der Sinn dahinter?

70 Prozent deines Vermögens soll Rendite erwirtschaften; also langfristig wachsen. Der Anleihen-Anteil ist hingegen risikoarm und soll dein Vermögen nur erhalten und sichern.

Aber was ist die Rendite?

  • Laufendes Jahr 2020: -4,68 %
  • 1 Jahr: +2,89 %
  • 3 Jahre: +12,87 % (3,82 % p.a.)
  • 5 Jahre: +29,18 % (4,67 % p.a.)

Aus 10.000 Euro wären 12.564 € geworden. Klingt solide, aber nicht weltbewegend. Trotzdem brauchen wir ein Vergleichs-Portfolio (Benchmark); sonst ist das Ergebnis nicht einzuordnen. 

Hättest du in das klassische Kommer-Weltportfolio investiert (Welt-ETF plus Staatsanleihen ETF), so hättest du jährlich 3,80 % p.a. erwirtschaftet. Dein Portfolio stünde jetzt bei 12.050 €.

Wir sehen: Faktor-Investing hat um 514 Euro gewonnen. Dafür hast du tendenziell mehr Transaktionskosten und eine höhere Gesamtkostenquote – dennoch hättest du mit Faktoren einen Mehr-Gewinn gemacht.

Portfolio 2: Multi-Faktor-Investing

Multi-Faktor klingt komplex, ist jedoch simpel: die Kombination mehrerer Faktorprämien in einem ETF. Also Small-Cap, Value, Momentum und Quality. Das hat einige Vorteile:

Geringere Transaktionskosten: Vier einzelne ETFs zu besparen, reißt größere Löcher ins Portemonnaie, als ein einziger – die Transaktionskosten sind bei Multi-Faktor geringer. 

Beim Aktienbroker Trade Republic fallen sie inzwischen ganz weg, wenn du den folgenden Multi-Faktor-ETF von iShares per Sparplan besparst.

Weniger Rebalancing: Bei den drei folgenden ETFs stellst du leichter die ursprüngliche Gewichtung wieder her als mit den sechs vorherigen.

Renditevorteile?: Verschiedene Faktoren beeinflussen und verstärken sich gegenseitig – deine Rendite könnte also langfristig größer sein. So wirken Value und Small-Size miteinander; kleine, unterbewertete Aktien erzielen auf lange Sicht höhere Erträge.

So sieht es aus, das Multi-Faktor-Portfolio:

ETF WKN Gewichtung im Portfolio Region Strategie TER (Gesamtkostenquote)
iShares Edge MSCI World Multifactor UCITS ETF A14YPA 52,50 % Welt Multi-Faktor 0,5 Prozent
iShares Core MSCI EM IMI UCITS ETF A111X9 17,50 % Emerging Markets Political Risk 0,18 %
Lyxor EuroMTS Highest Rated Macro-Weighted Govt Bond 1-3Y (DR) UCITS ETF LYX0Z6 30 % Eurozone   0,16 %
    100 %     0,34 %

Auch hier siehst du wieder das gleiche Prinzip: 70 Prozent risikobehaftet und 30 Prozent risikoarm. Dennoch fallen die Gesamtkosten auf: 0,34 Prozent sind 8 Basispunkte mehr als beim vorherigen Portfolio.

Rechnest du jedoch die Transaktionskosten und Rebalancing-Kosten mit hinein, ist es wohl ein Nullsummenspiel. Aber wie hat sich das Multi-Faktor-Portfolio geschlagen?

  • Laufendes Jahr: -4,62 %
  • 1 Jahr:  +2,83 %
  • 3 Jahre: +10,11 % (3,02 % p.a.)

Leider wurde dieses Portfolio später aufgelegt als das erste Portfolio – und drei Jahre sind kaum aussagekräftig. Trotzdem zeichnet sich ein Trend ab: 

Der Multi-Faktor-ETF hinkt hinterher. Und weil seine TER sogar größer ist, hat er nicht einmal einen Kostenvorteil. Das wirft kein gutes Licht auf ihn.

Nach den nackten Zahlen gewinnt eindeutig Portfolio 1; dennoch sind drei Jahre gar nichts. Deswegen ist diese Entwicklung kaum repräsentativ.

Fazit zum Faktor-Investing

Faktor-Investing ist gedoptes passives Investieren. Du schlägst langfristig den Markt, ohne in einzelne Aktien zu investieren oder den Markt zu timen.

Scheinbar scheint die Rechnung aufzugehen: Innerhalb der letzten fünf Jahre hat das Faktor-Portfolio 1 besser performt als ein klassisches Weltportfolio.

Dennoch ist das keine Garantie; es kann einige Jahre geben, wo du einem MSCI-World oder einem marktneutralen Portfolio hinterherhinkst und weniger Renditen erzielst. 

Denn Faktoren treten langfristig und statistisch auf – nicht Jahr für Jahr. Das solltest du bedenken, falls dir faktorbasiertes Anlegen gefällt.

Weiterhin sind Faktor-Strategien nicht gefahrlos: Sie können auch verschwinden. Beispielsweise hält man derzeit den Value-Effekt für begraben – keiner weiß, ob er wieder von den Toten aufersteht.

Natürlich blähst du auch dein Portfolio auf. Faktoren sind nicht so charmant einfach wie ein MSCI World in Kombination mit einem MSCI World Emerging Markets. Das muss dir klar sein.

Also: Wenn du an das Konzept Faktor-Investing glaubst, ist es eine Bereicherung für deine Geldanlage. Aber fühle dich wohl damit; sonst setzt du es irgendwann wieder aus, wie ein Haustier zur Urlaubszeit.

Quelle Beitragsbild: Foto von Snapwire von Pexels

Junge schaut in die Kamera

Über den Autor:

Finanz-Enthusiast, Self-Improvement-Sensei und  notorischer Wort-Jongleur – diese drei Engel für Charlie bin ich: Robin. Meine Texte entzaubern die Finanzwelt, um sie Dir zerlegt auf dem Silbertablett zu präsentieren. Für Deine finanzielle Bildung und ein selbstbestimmteres Leben.

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