Rentensystem Deutschland - was plant die neue Bundesregierung?

Rentensystem Deutschland – was plant die neue Bundesregierung?

Deutschland hat gewählt und wir befinden uns nach den Sondierungsgesprächen mitten in den Koalitionsverhandlungen rund um die Bildung einer neuen Bundesregierung. Alles deutet bisher auf eine Ampel-Koalition mit Scholz als Kanzler hin. Im Wahlkampf versprach er ein stabile Rentensystem.

Deutschland glänzte jedoch bisher nicht mit einer funktionierenden Struktur. Welche Entwicklungen sich für die kommenden Jahre abzeichnen, wie es auch anders geht und was du für gegen eine drohende Altersarmut tun kannst, besprechen wir in diesem Blogbeitrag!

Altersarmut kommt mit großen Schritten

2019 machte der amtierende Finanzminister Olaf Scholz unrühmlich von sich Rede, als er der BILD in einem Interview gestand, dass er sein Geld auf dem Sparbuch anlegt. „Ich mache das, was einem kein Anlageberater empfiehlt. Ich lege mein Geld nur auf einem Sparbuch, sogar auf dem Girokonto an – und da kriegt es, wie bei allen anderen, keine Zinsen.“

Eine nahezu schockierende Aussage in Zeiten der Niedrigzinspolitik und wankenden Rentensystem. Deutschland jedoch reagierte darauf teils mit verständnisvollen und positiven Stimmen à la:

“Was ist schlecht daran, den Konsum anzukurbeln statt die Überproduktion?”

“Olaf Scholz sollte mit seinem Geld einfach tun, was er für richtig hält!”

“Es gibt sehr viele Bundestagsabgeordnete die das so handhaben. Viele verkaufen sogar alle Beteiligungen, wenn sie in politische Verantwortung gehen. Das vermeidet Interessenskonflikte. Man kann schon davon ausgehen, dass Olaf Scholz Wertpapiere kennt.”

Aussagen wie diese von Olaf Scholz sollten natürlich vor allem im Zusammenhang mit dem Wahlkampf kritisch beäugt werden, unterstützen diese Formulierung doch schließlich seinen politischen Weg. Davon auszugehen, dass Herr Scholz sich nicht mit Finanzen auskennt, greift hier sicher zu weiter. 

Nichtsdestotrotz findet diese Vorgehensweise bei den Europameistern des Sparens großen Anklang. Immerhin tun es 43 Prozent der Deutschen Olaf Scholz gleich und nutzen das Sparkonto als Geldanlage.

Ganze 47 Prozent lassen ihr Geld auf dem Girokonto versauern. Bei einer derzeitigen Inflation von über 4 Prozent und Negativzinsen ist der Kaufkraftverlust des Geldes garantiert, ebenso wie die klaffende Rentenlücke.

Denn wer nicht privat vorsorgt, wird sich in den kommenden Jahrzehnten noch ganz schön umschauen. 2019 lag die Armutsgefährdungsquote für deutsche Senioren:innen bei knapp 16 Prozent. Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung aus dem Sommer 2021 könnte sich diese Ziffer in den folgenden fünfzehn Jahren deutlich erhöhen.

Bei einer negativen Arbeitsmarktentwicklung bis 2036 werden etwa 22 Prozent der Menschen ab 67 Jahren von einem Armutsrisiko betroffen sein. Das bedeutet, dass jeder fünfte Rentner weniger als 60 eines bedarfsgerechten, durchschnittlichen Nettoeinkommens zur Verfügung hat.         

Im Wahlkampf versprach Scholz ein stabiles Rentenniveau und die Lösung der Probleme des Arbeitsmarktes. “Ich mache ihnen diese feste Zusagen, dass wir das hinkriegen werden.“, so sein Credo. Als Vorbild für das Rentensystem Deutschland könnte Schweden dienen. 

Wie funktioniert das Rentensystem in Schweden?

Die sozialen Systeme zur Altersvorsorge und Absicherung der Gesellschaft sind in jedem Land individuell und hochkomplex. Ein Konstrukt dieser Art eins zu eins von einen Staat auf einen anderen zu übertragen, ist nahezu unmöglich.

Sich jedoch mal nach links und rechts umzuschauen kann nicht schaden. Was bei anderen gut funktioniert, kann ebenso in Deutschland Anwendung finden. Werfen wir also einen näheren Blick auf unseren skandinavischen Bekannten, nach Schweden.

Zunächst einmal wird auch in Schweden das Rentensystem, Deutschland ähnlich, über eine Umlage finanziert. Diese wird allerdings durch eine kapitaldeckende Komponente ergänzt. Schwedische Arbeitnehmer zahlen zusätzlich 2,5 Prozent ihres Bruttoeinkommens in den Vorsorgefonds ein. Somit wird die schwedische, gesetzliche Rente zusätzlich am Kapitalmarkt investiert. 

Es kann zwischen circa 500 Fonds gewählt werden. Entscheiden sich die Arbeitnehmer für keinen davon, landen sie automatisch staatlich gemanagten Modell. Bis zum Alter von 55 Jahren wandern die Beiträge zu 100 Prozent in den Aktienfonds. Danach findet eine schrittweise Umschichtung in einen konservativen Rentenfonds statt, der sich auf schwedische Anleihen guter Bonität konzentriert. 

schrittweise Umschichtung in einen konservativen Rentenfonds

Etwa 40 Prozent Schweden nutzen den AP7 Aktiefonds, der etwa mit umgerechnet 80 Milliarden EURO gefüllt ist. Die jährlichen Kosten betragen gerade mal 0,14 Prozent. Die Rentensparer erhalten einen jährlichen Auszug mit allen Informationen sowie der Performance des AP7 im Vergleich zum Durchschnitt. Ein echtes Vorbild für unser Rentensystem. Deutschland kann sich davon tatsächlich eine Scheibe abschneiden.

Rentensystem Deutschland – Kann die öffentliche Hand Aktien und Anleihen?

Derzeit verhandeln FDP, Grüne und SPD über die Bildung einer Ampelkoalition.

Während vor allem über die bahnbrechenden Vorsondierungsgespräche der Grünen und Liberalen gestaunt wurde und alle auf der Euphoriewelle schwammen, ging ein wenig unter, das in dem zwölfseitigen Papier eine kleine Revolution niedergeschrieben wurde: “Wir werden zur langfristigen Stabilisierung von Rentenniveau und Rentenbeitragssatz in eine teilweise Kapitaldeckung der Gesetzlichen Rentenversicherung einsteigen.” 

Das bedeutet, dass Erträge aus dem Finanzmarkt teilweise zur Deckung der Rentenbeiträge genutzt werden sollen. Daraus ergibt sich die Möglichkeit, die Subventionen aus dem Bundeshaushalt zu verringern. Dafür soll die Rentenversicherung bereits 2022 zehn Milliarden aus dem Haushalt bekommen. 

Wir wissen, es steht auf wackligen Füßen, unser Rentensystem. Deutschland hat sich unter anderem mit der Riester-Rente nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Generell gehörte die Kapitalanlage im Sinne eines langfristigen Vermögensaufbaus bisher nicht zu den staatlichen Kernkompetenzen. Die Rentenversicherung wäre gut beraten, sich weitere Unterstützung dazuzuholen. 

Ein aktuelles Beispiel, bei dem der Staat nennenswert viel Geld investiert, ist der Fonds zur Vorsorge der Beamtenpensionen. Dabei werden 80 Prozent in Anleihen und 20 Prozent in Aktien angelegt. Momentan decken die Renditen der Pensionsfonds jedoch nicht mal den Verlust der Inflation ab. Zudem sollte der Fonds nicht allein der Politik unterstehen, um eine Plünderung im Notfall zu verhindern. 

Wie kannst du für dein Alter vorsorgen?

Auch, wenn die derzeitigen Entwicklungen ein gewisses Maß an Hoffnung schöpfen lassen, solltest du dich dennoch nicht darauf verlassen, dass der Staat sich um deine Altersvorsorge kümmert. Selbst, wenn es zu einer teilweise Deckung der Renten durch den Finanzmarkt kommen sollte, beruht die gesetzliche Rentenversicherung hauptsächlich auf dem Umlageverfahren. 

Die Geldsummen, die von den aktuell arbeitenden Versicherten eingezahlt werden, landen in einem großen Topf, aus dem die derzeitigen Rentner ausbezahlt werden. Gehst du dann in Rente soll die nächste Generation Arbeitender diese Beitragszahlungen für dich übernehmen. 

 nächste Generation Arbeitender diese Beitragszahlungen für dich übernehmen

Aktuell werden zusätzlich Steuergelder für die Finanzierung verwendet. So arbeitet momentan unser Rentensystem. Deutschland weist mit dem Mix aus gesetzlicher, betrieblicher und privater Altersvorsorge ähnliche Strukturen wie andere europäische Länder auf. Dennoch ist jedes Konstrukt komplex und wird maßgeblich von den staateneigenen Gegebenheiten beeinflusst. 

Ein wesentlicher Eckpfeiler deiner Altersvorsorge sollte demnach der private Sektor sein. Ermittle dazu deinen finanziellen Status quo. Wie viel Geld hast du bereits? Wo schwirrt wie viel auf welchen Konten herum? Welche Schulden hast du? Erstelle dir dazu eine detaillierte Übersicht deines Nettovermögens. 

Notiere darüber hinaus mithilfe eines Haushaltsbuch alle deine Einnahmen und Ausgaben. Diese Maßnahme solltest du mindestens drei Monate durchführen, um so ein Gefühl für deine Finanzen zu bekommen. Streiche unnötige Ausgaben und denke darüber nach, wie du deine Einnahmen erhöhen kannst. Was am Ende des Monats übrig bleibt, ist dein Sparbetrag.

Werde dir über deine finanziellen Ziele klar. Diese sollten in erster Linie die Schließung deiner Rentenlücke umfassen. Berechne also zunächst den Gap zwischen deiner zu erwartenden Rente und dem Betrag, den du benötigst, um deinen gewünschten Lebensstandard zu halten. Vergiss nicht die Inflation und die Kapitalertragssteuer zu addieren.

Ein mögliches Beispiel:

Deine zu erwartende Rente beträgt 1.000 EURO und du benötigst 2.000 EURO, um alle deine Ausgaben zu decken. Deine Rentenlücke umfasst demnach 1.000 EURO. Derzeit liegt das Renteneintrittsalter bei 67 Jahren in unserem Rentensystem.

Deutschland liegt dabei im europäischen Vergleich am oberen Ende der Skala. Du bist derzeit 35 Jahre alt. Also hast du noch 32 Zeit dich um deine Altersvorsorge zu kümmern. Diese Zeit solltest du nutzen! 

Nach deinem Renteneintritt lebst du noch weitere wundervolle 20 Jahre. Du benötigst demnach eine Geldsumme von 240.000 EURO. Hinzu kommen Steuern und Inflation. Die Kapitalertragsteuer liegt derzeit in Deutschland bei rund 26,4 Prozent. Wir können darauf hoffen, dass sich die Inflation bei etwa 2 Prozent einpendelt. 

Demnach werden etwa 300.000 EURO benötigt, um die Rentenlücke von 1.000 EURO über die kommenden 20 Jahre nach dem Renteneintritt zu schließen. Dies ist nur eine ganz grobe Rechnung. Nimm dir für diesen Punkt besonders viel Zeit. Stellst du in 30 Jahren fest, dass es doch nicht reicht, ist es leider zu spät. 

Stellst du in 30 Jahren fest, dass es doch nicht reicht, ist es leider zu spät.

Danach solltest du deinen monatlichen Sparbetragberechnen, den du einzahlen musst, um diese Summe in den nächsten 32 Jahren zu erreichen.

Investierst du in einen MSCI World und einen MSCI Emerging Markets ETF und baust dir so einen Teil deines Portfolios auf, kannst du durchschnittlich mit einer Rendite von etwa 8 Prozent rechnen. Dieser Zinsrechner kann dir bei der Berechnung helfen: https://www.zinsen-berechnen.de/sparrechner.php 

In unserem Beispiel müssten so jeden Monat rund 180 EURO in einen ETF-Sparplan fließen. Wie gesagt, dieses Beispiel ist sehr rudimentär und soll dir nur ein Gefühl dafür vermitteln, welche Schritte bei der Berechnung deiner Rentenlücke und deren Ausgleich notwendig sind.

Scheue dich in diesem Punkt nicht davor, tiefer ins Detail zu gehen. Schließlich willst du am Ende deiner Ansparzeit keine böse Überraschung erleben.

Ich habe es gerade bereits kurz erwähnt, neben dem Sparen gibt es natürlich noch den wesentlichen Faktor des Investierens, den du in deine Vorbereitung auf deine Altersvorsorge mit einbeziehen solltest.

Dieser Punkt ist bisher nicht vorgesehen in unserem gesetzlichen Rentensystem. Deutschland hat versucht diese Lücke mit der Riester-Rente zu schließen, die jedoch nur für die Wenigsten geeignet ist. 

Daher musst du selbst ran. Vermeide teure Gebühren und Provisionen für Bankberater und informiere dich selbständig über die Börse, ihre Produkte und Funktionsweisen.

Mittlerweile gibt es so viele Blogs, Bücher und YouTube Videos zu diesem Thema, dass es extrem leicht ist, die gewünschten Informationen kostenlos zusammenzutragen. Verspricht dir jemand über Nacht reich zu werden, solltest du davon direkt die Finger lassen. Rendite ohne Risiko gibt es nicht!

Rendite ohne Risiko gibt es nicht!

In vielen Fällen bieten breit diversifizierte ETF-Sparpläne zu den von mir bereits erwähnten MSCI World und MSCI Emerging Markets eine rentable Grundlage. Bevor du jetzt jedoch losrennst und sofort in irgendwelche ETFs investierst, lass dir gesagt sein, dass dazu etwas Vorbereitung vonnöten ist. Überspringe auf gar keinen Fall die im Vorfeld notwendigen Schritte:

  1. Basiswissen aufbauen
  2. Status quo ermitteln 
  3. finanzielle Ziele festlegen
  4. Risikotoleranz erarbeiten
  5. Strategie auswählen
  6. Weltportfolio zusammenstellen
  7. Produkte kennenlernen und kaufen

Erst ganz am Ende dieser Kette solltest du deine ersten ETFs kaufen. Hast du den Prozess einmal durchlaufen, steht einem voraussichtlich gutem Leben im Alter nichts mehr im Wege. Insgesamt nimmt diese Verfahrensweise nicht mehr als vier bis acht Wochen in Anspruch. Hast du dich richtig vorbereitet, musst du kaum noch etwas anderes tun, als deinem Vermögen beim Wachsen zuzuschauen.

Wie stehst du zu den Plänen der Bundesregierung zu unserem Rentensystem in Deutschland? Wie sorgst du privat für dich vor? Schreib es uns gern in die Kommentare!

P.S. Wenn du wissen willst, wie hoch deine Rentenlücke ist, oder wie viel du zurücklegen musst, wenn du früher in Rente möchtest, ließ unseren Artikel “Rentenlücke berechnen“. Dort erfährst du es Schritt für Schritt zum Mitmachen.


Über die Autorin:

Hallo! Mein Name ist Jessi, ich bin 31 Jahre alt und lebe zusammen mit meinem Mann und meinem kleinen Sohn in Berlin. In den letzten 15 Jahren habe ich so ziemlich jeden Euro, den ich zusammenkratzen konnte, für Bekleidung oder anderen Schnickschnack ausgegeben.

Bis ich eines Tages auf die Themen Börse, Aktien und ETFs gestoßen bin. So schaffte ich es, nicht nur ein Jahr lang keine Kleidung zu kaufen, sondern gleichzeitig noch mein Geld für mich arbeiten zu lassen. Alles zu meiner persönlichen Weiterentwicklung und, wie du das auch schaffen kannst, findest du unter themoneygirl.de

 

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