Steigende Börsenkurse trotz kommender Rezession: Spinnt die Börse?

Die Börsen-Prognosen lesen sich wie wahllos aus einer Buchstabensuppe gefischt: V, U, W oder doch L? Vernünftige Worte lassen sich daraus nicht formen, aber es sind auch keine vernünftigen Zeiten. Die Wirtschaft taumelt in die nächste Rezession, die Börse traut jedoch der Angst nicht – sie protzt auf hohem Niveau wie ein Macker vor seinem Porsche. Ist die Krise bereits überstanden? Stehen weitere Kurseinbrüche bevor? – dieser Artikel sucht eine Antwort.

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Was passiert gerade?

Am 18. März schien es, als würden tausende Engländer auf dem Börsenparkett Urlaub machen – es gab nur rote Gesichter. Doch Sonnenbrand war nicht schuld, es war der Tiefstand der Börse: Der Dax lag bei 8.441,71 Punkten. Diese Reise zum Mittelpunkt der Erde ging ziemlich flott; am 11. März stand der Dax noch bei 10.438,7. Natürlich ist der Schuldige mit Corona bekannt, aber er ist noch nicht gefasst – das ist das Paradoxe.

Denn jetzt (Stand 13. Mai) nähert sich der Dax wieder 11.000 Punkten – er steht bei 10.819,50. Und andere Indizes tun es ihm nach: Der S&P 500 ist beispielsweise auf den Stand von Oktober 2019. Dieser Börsen-Hitparade stehen jedoch düstere Wirtschafts-Aussichten gegenüber. Die EU-Kommission rechnet mit einem Einbruch von 7,5 %. Der DWS-Chefvolkswirt Martin Moryson erwartet für Deutschland eine diesjährige Rezession von 6 %.

Corona ist noch lange nicht besiegt, die Wirtschaft stolpert von einer schlechten Nachricht zur nächsten, trotzdem lässt es die Börse kalt. Um es mit Obelix zu sagen: Spinnen die Börsianer?

Warum die Börsenkurse so weit oben sind

Es gibt Geld vom Staat

Wollte man als Kind unbedingt den neuen Lego-Truck, hatte die Oma das rettende Kleingeld. In der Wirtschaft läuft nicht anders: Großmütterchen Deutschland pumpt 1,2 Billionen in die Unternehmen, in den USA sind es 1,8 Billionen. Zusätzlich kaufen die Notenbanken Staatsanleihen und Unternehmensanleihen; das soll weiteres Geld für die Wirtschaft freigeben.

Dass die Notenbanken Staats- und Unternehmensanleihen kaufen, ist jedoch ein alter Damenhut – das Neue: Die Notenbanken kaufen sogar Schrottanleihen. Das sind Anleihen von Unternehmen mit sehr fragwürdiger Zahlungsfähigkeit. Die Notenbanken pumpen also eine hochdosierte Geld-Transfusion in die Venen des Marktes; kein Wunder, dass der Patient aufspringt und wild nach Luft schnappt.

Die Wirtschaftskrise ist selbstverhängt

200 platzte die Dotcom-Blase, 2008 die Immobilienblase und 2020? – da gibt es keine Blase. Trotzdem ist es der größte Wirtschaftseinbruch aller Zeiten. Die Gründe sind aber selbst verhängt: Quarantäne, Schließung der Betriebe und Grenzen, Kurzarbeit, etc. Dahinter steht eine einfache Wette; sobald die Krise eingedämmt wird, steigt auch die Wirtschaft von Neuem. In China kann man das beobachten: Mittlerweile liegt die Wirtschaft wieder bei 80 % des Niveaus vor Corona. Ziehen die anderen Länder nach, wird aus dem wirtschaftlichen Schlaganfall eine reine Magenverstimmung – mit schneller Besserung.

Die Anleger blicken in die Zukunft

Börsen scheren sich wenig um das Hier und Jetzt; ihr Blick liegt auf der Zukunft – auf künftige Gewinne und spätere Kurse. Deshalb berührt es den informierten Anleger kaum, wenn die USA 30 Millionen Arbeitslose melden. Warum die Kaltherzigkeit? Weil der Anleger die Notlage versteht; es ist Corona und in den USA gibt es geringen Arbeiterschutz.

Werden in ein paar Monaten immer noch 30 Millionen Menschen arbeitslos sein? – Nein! So glaubt zumindest der Anleger, weil er auf ein Ende von Corona hofft. Deshalb sind Hiobsbotschaften jetzt wenig relevant, weil sie ungültig sind, sobald Corona abflaut. Der Anleger schaut nur in die Zukunft und sie ist für ihn deutlich rosiger als der heutige Tagesschau-Alptraum.

Wie könnte das Ganze ausgehen?

Kurzfristige Lösungen

Szenario 1: Der Dax bricht ein

Laut einer Dax-Umfrage wollen die Anleger kaufen, warten aber auf fallende Börsenkurse. Die Anleger sind also wie dicke, aber geizige Kinder vor der Bäckerei: Die Torten treiben ihnen das Wasser in den Mund, aber sie sind einfach zu teuer. Deshalb schlagen die Anleger noch nicht zu – sie hätten gerne diese und jene Aktie, jedoch provozieren die Kurse keinen Kaufrausch.

Sollte der Dax weiter nachgeben, füllen sich auch wieder die Depots. So könnte laut Handelsblatt der Kurs sinkt bis 10.000 Punkte; dann sei der Ausverkauf vorbei und die Kurse würden wieder steigen. Dennoch: Das sei das unwahrscheinlichere Szenario, eben weil alle darauf warten und damit rechnen.

Szenario 2: Die Kurse steigen weiter

Was wäre das Schlimmste für einen Anleger, der auf fallende Börsenkurse hofft? – natürlich steigende Kurse: Sie zerstören seinen Traum von billigen Nachkäufen. Deshalb kreischen im Kopf sofort die Sirenen, sollten die Kurse weiter nach oben gehen. Um nicht noch teurer einzukaufen, decken sich Anleger weiter ein. Das Ergebnis: Die Kurse steigen noch schneller.

Langfristige Lösungen

Szenario 1: Corona wird besiegt

Die hohen Börsenkurse sagen eins: Wir rechnen damit, dass in ein paar Monaten Corona überwunden ist. Danach geht es wieder aufwärts mit der Wirtschaft – das deutet die Lage in China an. Dann sollte die große Geldflut der Staaten und der Notenbanken greifen; die Wirtschaft ist reanimiert. So könnten 2021 wieder Wachstumsraten von 5 % am Patientenzimmer klingeln.

Szenario 2: Corona schlägt zurück

Trotzt Corona allen Maßnahmen, dann gibt die Börse nach. Unternehmen gehen pleite, die Arbeitslosigkeit dauert an und Existenzen sind zerstört. Das fängt auch kein billiges Geld mehr auf. Damit hätte die Geldflut ins Leere gegriffen. So hätten wir die wirkliche Krise an der Börse, die sich nicht so schnell erholt wie von März bis Mai.

Dennoch ist dieses Szenario gar nicht einmal so langfristig. Schon jetzt liegen viele Unternehmen im Wachkoma – nur am Leben gehalten vom billigen Geld der Staaten. Sollten frühzeitig schon große Unternehmen Insolvenz anmelden müssen, dann ist klar: Die Geldschwemme greift nicht. Damit würde auch die Börse nachgeben. Ähnliches sah man beim Sturz von Lehman Brothers; er gab dem Startschuss zur Finanzkrise 2008.

Was tun die Börse-Giganten?

Weil niemand weiß, was man tun soll, hilft ein Blick auf die Börsengiganten. Wie agieren sie in der Krise? – daran könnten sich Anleger vielleicht inspirieren.

Warren Buffet

Warren Buffets Holdinggesellschaft „Berkshire Hathaway“ sitzt auf einen Batzen Geld: Mehr als 115 Milliarden Dollar stünden für Investitionen bereit. Doch kauft Herr Buffet? – nein: Bereits die fallenden Kurse in der Corona-Krise hat er nicht genutzt, um günstig nachzukaufen. Er sehe zurzeit keine attraktiven Investments, wie er sagt. Spekuliert er auf einen weiteren Crash?

Ray Dalio

Der Leiter des größten Hedgefonds „Bridgewater“ wettet gegen den Dax – er hat Leerverkäufe bei 13 Unternehmen. Das bedeutet: Er hat sich Aktien geliehen und verkauft sie, weil er auf fallende Kurse setzt. So würde er sie billiger zurückkaufen und damit Gewinn machen. Also auch er setzt auf fallende Kurse. Nur stammt diese Nachricht bereits aus dem März, neuere Daten waren nicht verfügbar.

David F. Swensen

Er leitet den Yale-Stiftungsfonds und hat ihn von 16 Milliarden auf 30 Milliarden vermehrt. Er setzt klassisch auf antizyklisches Investieren: Fallen Aktien, soll man sie kaufen. Deshalb hat er wahrscheinlich ordentlich nachgekauft, während die Kurse stark fielen – doch genaue Zahlen fehlen.

Mark Mobius

Er ist ein US-Amerikanischer Portfoliomanager und setzt auf den asiatischen Markt. Er rät derzeit Anlegern zu asiatischen Tech-Aktien wie Alibaba und Softbank. Aber auch dem Gold ist er nicht abgeneigt: Anleger sollten Gold halten und vielleicht dazukaufen. Auch er geht davon aus, dass die Kurse nochmals fallen könnten – doch stammt diese Einschätzung bereits aus dem April.

Quellen:

Meinungen, Ergänzungen, Fragen? – lasse gerne einen Kommentar da :).


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Finanz-Enthusiast, Self-Improvement-Sensei und  notorischer Wort-Jongleur – diese drei Engel für Charlie bin ich: Robin. Meine Texte entzaubern die Finanzwelt, um sie Dir zerlegt auf dem Silbertablett zu präsentieren. Für Deine finanzielle Bildung und ein selbstbestimmteres Leben.

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Robin Prock

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